Kita

Haben Sie eigentlich selbst Kinder?

Warum diese Frage an Pädagog:innen sowohl übergriffig als auch völlig irrelevant ist.

Ich denke, diese Frage hat schon jeder und jede gehört, die oder der mit Kindern arbeitet.

Die Frage, ob ich als Pädagogin selbst Kinder habe, tut in unserem Job allerdings nichts zur Sache.

„Haben Sie überhaupt selbst Kinder? Ansonsten können Sie dies oder das gar nicht beurteilen.“

Wie oft habe ich selbst diesen Satz schon gehört. An mich, aber auch sehr oft an (junge) Kolleg:innen gerichtet.

Ich verstehe die Intention, die dahintersteckt, schon. Eltern möchten in ihrem Handeln verstanden werden und suchen sich bewusst oder unbewusst ein Gegenüber, das ähnliche Erfahrungen hat (das nicht pünktliche Fertigwerden zur Kita, das spätere Abholen weil Berufstätig und so weiter …) um das eigene Handeln gerechtfertigt zu wissen. Oft fallen solche Sätze, wenn Pädagog:innen kritische Anmerkungen gemacht haben. Wie kann es jemand wagen, eine Situation zu beurteilen, die sie selbst gar nicht aus dem eigenen Erlebten kennt? Soll sie doch erstmal selbst in diese Situation kommen, um diese überhaupt beurteilen zu können! Einerseits aus Sicht der Eltern natürlich nachvollziehbar.

Andererseits ist diese Erwartungshaltung aber auch grundfalsch und ich möchte euch erzählen, warum.

In meinem Beruf als Pädagogin und Kita – Leitung agiere ich nicht als Mutter.

Ich habe eine völlig andere Aufgabe und Position. Ich handle professionell und aus einem ganz anderen Blickwinkel. Das ist auch wichtig.

Die Frage, ob ich als Pädagogin selbst Kinder habe, hat mit meiner Profession nichts zu tun.

Solche Fragen sind irrelevant und auch übergriffig. Mal abgesehen von der Irrelevanz sollte man mit solchen Fragen grundsätzlich immer sehr vorsichtig sein, da solche Fragen unabhängig von der beruflichen Relevanz sehr sensibel sind.

Zurück zum Thema.

Ich bin in meinem Beruf nicht als Mutter angestellt.

Die Tatsache, ob eine Pädagogin / ein Pädagoge selbst Kinder hat, macht sie oder ihn weder zu einem besseren noch schlechteren Pädagog:in.

Sie sollte einfach keine Rolle spielen, wird aber so oft gestellt.

Oft gefolgt von einem „Ach so! Na dann!“ und einem entsprechenden Blick. Gerade jungen Kolleg:innen wird damit das Gefühl gegeben, sie können sich ohne eigene Kinder kein fachliches Urteil erlauben.

Was soll denn das?

Für unseren Job zählt die Diplomurkunde oder das Ausbildungszeugnis, nicht der Mutterpass.

Bitte nehmt die Erzieherinnen und Erzieher eurer Kinder ernst. Sie haben eine lange Ausbildung oder Studium hinter sich und das sollte bitte ausreichend sein, um mit euren Kindern zu arbeiten.

Empathie und Einfühlungsvermögen in die Lebenssituation von Eltern gehört zu unserem Job. Eine fachliche Betrachtungsweise ebenfalls.

Seit ich selbst Mutter bin, fühle ich natürlich nun am eigenen Leibe selbst, was es heißt, Entscheidungen als Mutter zu treffen.

Ein Beispiel? Meine Tochter wird im Herbst mit einem Jahr in der Kita eingewöhnt. Als Pädagogin habe ich selbst Eingewöhnungen in diesem Alter sowohl durchgeführt als auch Pädagog:innen dabei als Leitung begleitet. Im Übrigen auch Eltern, denen die Trennung sehr schwer gefallen ist. Nun stehe ich bald vor der Situation, mein Baby das erste Mal loslassen zu müssen. Als Mama. Nicht als Pädagogin. Ich tausche mich bereits schon im Vorfeld mit Müttern aus, deren Kinder ebenfalls bald eingewöhnt werden. Das ist das eine. In der Kita wünsche ich mir eine professionelle Begleitung der Bezugserzieherin / des Bezugserziehers und oder der Leitung. Ich erwarte einen professionellen Blick, jederzeit eine fachliche Einschätzung und eine bindungsorientierte wertschätzende Eingewöhnung meiner Tochter. Ob die Fachpersonen in der Kita Kinder haben – interessiert mich nicht. Ob sie nachvollziehen können, wie es mir als Mama geht, weil sie selbst als Eltern schon ihre eigenen Kinder eingewöhnt haben: unerheblich.  Unerheblich für eine einfühlsame Begleitung meinerseits.

Wenn ich nach 14 Monaten Elternzeit wieder selbst arbeiten werde, kehre ich als Pädagogin zurück, nicht als Mutter. Es mag sein, dass ich manche Situationen anders nachvollziehen kann, da ich sie nun selbst jeden Tag mit meiner Tochter erlebe. Auf mein professionelles Handeln jedoch darf es keinen Einfluss haben.

Ich leite keine private Spielgruppe, in der sich Mütter untereinander austauschen können. Meine größte Kita bisher war eine Einrichtung mit 130 Kindern, 8 Gruppen und 30 Mitarbeiter:innen. Ich muss organisieren, führen, die Umsetzung des pädagogischen Konzepts im Blick haben, wirtschaftlich handeln. Kommen Eltern zu spät, muss ich reagieren, denn kommen sie nach der Abholzeit, geht es auf die freie Zeit meiner Mitarbeiter:innen und an das Überstundenkonto, das ich zu führen und dem Träger gegenüber zu verantworten habe. Ich habe eine Fürsorgepflicht meinem Team gegenüber, nicht fahrlässig mit ihrer privaten Zeit umzugehen. Als Mama kann ich selbst noch einen Tag zuvor in der gleichen Situation gewesen sein, mein Kind zu spät aus der Kita abgeholt zu haben – für meine organisatorische Führung als Leitung ist das aber irrelevant. Ist es das nicht, verliere ich meine professionelle Haltung und genau dafür werde ich bezahlt. Klingt unromantisch? Ist es auch. Selbst in einer Kita.

Führe ich Elterngespräche, so führe ich diese als erfahrene Pädagogin – nicht von Mama zu Mama. Das dürfen die Eltern des entsprechenden Kindes auch erwarten.

Schauen wir doch mal in andere Berufe. Ich habe einen männlichen Gynäkologen, der selbst noch kein Kind auf die Welt gebracht hat. Bei den Vorsorgeterminen habe ich immer eine professionelle medizinische Versorgung erwartet. Gespräche von Schwangeren zu Schwangeren habe ich mit meiner ebenfalls schwangeren Freundin geführt. Und selbst wenn ich eine schwangere Gynäkologin gehabt hätte – ich hätte die Termine als Patientin wahrgenommen und ebenfalls eine fachlich professionelle Begleitung gewünscht.

Muss ein Chirurg selbst schon auf dem OP-Tisch gelegen haben? Entscheidet ein Richter besser, wenn er selbst schon mal mit dem Gesetz in Konflikt gestanden hat?

Bei keiner anderen Berufsgruppe als bei Pädagog:innen würde man überhaupt erst auf die Idee kommen, geschweige denn diese Berufsgruppen so oft auf eigene Kinder ansprechen. Und nein – es ist kein netter Small Talk, der da betrieben wird. Es ist eine höchst persönliche Frage, die mit der beruflichen Qualifikation nichts zu tun hat. Wenn eine Erzieherin / ein Erzieher in der Kita oder eine Lehrerin / ein Lehrer in der Schule erst mit der Geburt eines eigenen Kindes emphatische Elternarbeit leisten kann, dann sollte der oder diejenige sich grundsätzliche Gedanken über die eigene Arbeit machen.

Kitas sind Bildungseinrichtungen. Die Pädagog:innen leisten hochprofessionelle Arbeit aufgrund ihrer Ausbildung, Erfahrung, Leidenschaft. Das sollte respektiert und wertgeschätzt werden, unabhängig der persönlichen Familienplanung.

Eine Geburt und die eigene Familiensituation ist Privatsache. Und da sollte sie auch bleiben.

Eigentlich ganz einfach.

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