Pädagogik

Der Chef bin ich – Machtstrukturen in der Erziehung

Vor kurzem erhielt meine Freundin, Psychologin und Mutter eines 11 Monate alten Jungen, einen Newsletter einer Redaktion, die wöchentlich Tipps und Inspirationen an Schwangere und Mütter versendet. Auch ich bin bei diesem Newsletter registriert, manchmal tauschen wir uns darüber aus.

Unter der Rubrik Merkzettel fand sich folgender Satz:

 „Der Chef bist du – das dem Kind klar machen“.

Sie machte einen Screenshot von diesem Text und schickte ihn mir. Wir waren beide entsetzt, fassungslos und wütend. Wie kann es sein, dass so ein Satz in einem Newsletter steht, der vermutlich tausendfach an viele Mütter versendet wird? Wir entschieden uns, einen Leserbrief zu schreiben, denn so eine Formulierung demonstriert nur eines: Macht. Macht über das eigene Kind, eine ganz klare Positionierung und aufzeigen einer klaren Hierarchie innerhalb der Familie.

Zum Thema:

Als Eltern tragen wir die Verantwortung für unser Kind. Da wir über mehr Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten verfügen und manchmal Entscheidungen treffen müssen, die unserem Kind nicht gefallen, zum Beispiel um es vor Gefahren, die es selbst noch nicht abschätzen kann, zu schützen, liegt ein Ungleichgewicht zwischen Eltern und Kinder vor. Unsere Kinder sind in vielerlei Hinsicht abhängig von uns. Das liegt in der Natur der Sache.

Adultismus ist die Definition von Machtungleichheit zwischen Kindern und Erwachsenen und die Diskriminierung als Folge. Dies liegt nicht in der Natur der Sache, sondern ist eine bewusste Entscheidung, auf welchem Weg ich mein Kind begleiten möchte.

Machtmissbrauch liegt bereits bei Adultismus im Alltag vor, zum Beispiel aufgrund von Machtäußerungen auf der psychischen Ebene; egal ob unbewusst oder bewusst.

Uns als Elternteil bewusst als „Chef oder Chefin“ zu definieren und dies auch noch meinem Kind „klarzumachen“, vermutlich auch noch auf unmissverständlicher Weise, entspricht unserer Haltung nach definitiv einem Machtmissbrauch.

Aware Parenting, also das bewusste Elternsein und die Grundlagen der bindungs- und bedürfnisorientierten Begleitung eines Kindes, ist vor allem eine achtsame und bewusste Haltung Kindern gegenüber. Mich klar als Chef oder Chefin zu definieren, bedeutet nichts davon. Es bedeutet, dass ich mir meiner Machtposition sehr bewusst bin und diese auch bewusst ausspiele, wenn ich als Erwachsene dies für nötig halte, und zwar nicht nur wenn Gefahr in Verzug ist, sondern wenn ich als Elternteil meine Bedürfnisse über die meines Kindes stelle, meine Position durchsetzen möchte und über mein Kind, egal ob die Situation es erfordert oder nicht, entscheide. Chef oder Chefin sein bedeutet, ich sitze am längeren Hebel und habe entsprechende Möglichkeiten, zu sanktionieren, wenn das Kind meinen Vorstellungen nicht entspricht.

Als Vorgesetzte und Chefin eines pädagogischenTeams mit 30 Mitarbeiter:innen weiß ich, was es bedeutet, Vorgesetzte oder Chefin zu sein. Selbst wenn ich teamorientiert und mitarbeiterorientiert führe, so befinden wir uns qua Definition in einem Machtgefälle, ich könnte – ob ich es tue oder nicht – aufgrund meiner Position meine Macht jederzeit ausspielen. Und die Mitarbeiter:innen wissen das.

Als Eltern könnte ich das auch. Ich könnte jederzeit meine vermeintliche „Macht“ über meine Kinder ausleben. Es liegt an mir, ob ich meine Rolle so definiere, es meine Kinder spüren lasse und sie im Bewusstsein erziehe, stets von meinem guten Willen abhängig zu sein. Oder ob ich Machtstrukturen in der Begleitung meiner Kinder außen vorlasse, die Verantwortung für sie übernehme (und wie bereits erwähnt durchaus auch hin und wieder Entscheidungen für sie treffen muss, die ihnen nicht unbedingt gefallen, aber Gefahren von ihnen abwenden) und sie liebevoll in einem Miteinander auf ihrem Weg begleite.

Als Psychologin arbeitet meine Freundin sehr oft mit Menschen, die unter Bindungsstörungen leiden. Aus Erfahrung kann sie sagen: Die möglichen langfristigen Folgen, wenn man in dem Bewusstsein „meine Eltern sind die Chefs und meine Bedürfnisse werden willkürlich hintenangestellt“ aufwächst, dies tagtäglich zu spüren bekommt, sind zahlreich und können oftmals zu z.B. diversen Bindungsproblematiken, Selbstwertproblematiken oder massiven psychischen Erkrankungen führen.

Kommen wir zurück auf die Elternbeziehung, so ist diese Art des Eltern – Kind – Verhältnisses qua Definition geprägt von Erfolgsdruck, Anerkennung und Liebe durch Befriedigen der Erwartungshaltung der Eltern sowie dem Gefühl, in der Hierarchie, die es in so einem Gefüge gibt, ganz unten zu stehen. Das entspricht einem Machtgefälle, das in einer Familie nicht vorkommen sollte. Kinder spüren das.

Warum wir all dies an die Redaktion geschrieben haben? Dieser Newsletter erreicht nicht nur uns, die wir unserer Haltung bewusst sind, sondern auch Familien, die sich in ihrer Haltung eventuell nicht sicher sind. Hilflos in ihrer Rolle als Eltern und genau diese Macht, wie beschrieben, nutzen und vielleicht sogar auch unbewusst (oder bewusst) ausnutzen. Weil es einfacher ist, eine vermeintliche Sicherheit bietet und alten längst überholten aber leider immer noch gelebten Familienstrukturen dient. Das Kind muss funktionieren, spuren, auf die Eltern hören – ungeachtet der eigenen Bedürfnisse, die nicht hinterfragt werden, muss hintenanstehen, gehorchen. Denn: die Eltern sind die Chefs. Die Bestimmer. Diejenigen, die an der Macht sitzen.

Manch Leser:in wird sich durch solche Beiträge in der machtdominanten Erziehung der Kinder bestätigt fühlen. Eine sehr befremdliche Vorstellung.

Von einer Redaktion, die pädagogische Tipps und Ratschläge gibt, erwarten wir, dass die Haltung klar erkennbar ist. Die Aussage „Der Chef bist du – das dem Kind klar machen“ ​entspricht allerdings einer Haltung, die uns an die Pädagogik der 50er Jahre erinnert.  Eine Empfehlung basierend auf Erziehung / Begleitung unserer Kinder mit so eindeutigen Machtgebärden empfinden wir als unverantwortlich, brandgefährlich und dem Wohle des Kindes definitiv nicht förderlich.

Deshalb haben wir an die Redaktion geschrieben und eine Antwort erhalten. Die Passage wurde herausgenommen, es wurde im Sinne von „als Eltern begleiten wir dich liebevoll durch die Welt und beschützen dich vor Gefahren“ geändert.

Manchmal ist es wichtig, seine Stimme zu erheben, und sei es nur durch eine Mail.
Bleibt also immer achtsam. Euren Kindern zuliebe.

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