Kinderwunsch

Die Frage nach dem Kinderwunsch

„Und, wann ist es denn bei euch so weit?“

Eine kleine, scheinbar harmlose Frage. Small Talk für die einen. Ein tiefer Riss durch eine Wunde für die anderen.

 

„Nichts darf man mehr fragen, jetzt stell dich doch nicht so an!“

 

Lieber Fragende, liebe Fragende, ich möchte dir heute stellvertretend für so viele antworten.

Doch. Du darfst natürlich vieles fragen, aber du wirst damit rechnen müssen, dass du eventuell auch eine Antwort bekommst, die dir nicht gefallen wird oder die dich überfordern würde.  

 

Denn manche Antworten könnten ehrlicherweise so ausfallen:

 

„Wir versuchen seit vielen Jahren, ein Kind zu bekommen. Es klappt einfach nicht. Ja, wir haben alles versucht. Sex nach Uhrzeit, Beine hoch, sämtliche Kräuter im Mondschein getrunken. Wir haben uns entspannt, nicht mehr daran gedacht (so wie an den rosa Elefanten, an den keiner denkt, auch jetzt nicht in diesem Moment) und lockergelassen. Sind in den Urlaub gefahren, hatten romantische Abende und feurige Dates zusammen. Alles, um einmal im Monat die bittere Quittung zu bekommen: es hat wieder nicht geklappt. Wir freuen uns mit allen Schwangeren um uns herum, aber jedes Mal wird der Stich ins eigene Herz größer.

 

Irgendwann haben wir uns medizinische Hilfe geholt. Wir haben uns beide untersuchen lassen und mussten hören, dass es ohne Unterstützung niemals mit einem eigenen Kind klappen würde. Viele Abende und Nächte haben wir diskutiert. Ist das unser Weg? Bleiben wir kinderlos? Kommt eine Adoption in Frage? Ein Pflegekind? Es war keine leichte Entscheidung.

 

Am Ende haben wir uns für den medizinischen Weg entschieden. Ich möchte jetzt keine medizinische Abhandlung schreiben, also kürze ich zusammen: Die Frau wird einfach mal eben platt gemacht um anschließend hormonell wieder aufgebaut zu werden. Doch, so lässt es sich beschreiben. Manche stecken es gut weg, für andere ist es eine Achterbahnfahrt durch alle Emotionen, die man sich so vorstellen kann. Einmal Reset und neu zusammengebastelt. Dazwischen rennt sie alle paar Tage zum Ultraschall, um zu sehen, wann der Eisprung bevorsteht und somit der ideale Zeitpunkt zur Eientnahme ist. Bis dahin hat sie sich Hormone gespritzt, Tabletten geschluckt, ihren Körper abgegeben. Der Mann durfte in der Zwischenzeit sein Ejakulat in ein Becherchen abgeben.  

 

 Nach der Punktion kommt das erste Bibbern  – wie viele Eizellen lassen sich tatsächlich befruchten? Wie viele können anschließend wieder eingesetzt werden? Kryokonserviert werden für einen eventuellen nächsten Versuch? War alles soweit erfolgreich, kommt es zum Transfer. Der ist harmlos, eine oder mehrere befruchtete Eizellen werden der Frau wieder eingesetzt und nun beginnt das zweite Bibbern: beißt sich eines der Krümel fest? Noch ist die Frau nicht schwanger! Ca. 2 Wochen nach dem Transfer bekommt man die Gewissheit: „Herzlichen Glückwunsch, Sie sind schwanger“ oder „Tut uns sehr leid, es hat leider nicht geklappt“. Bei einer eingetretenen Schwangerschaft läuft es nun beim Gynäkologen weiter – wenn die Schwangerschaft weiterläuft. Wie auch bei jeder sonstigen Schwangerschaft kann es natürlich sein, dass man sein Kind wieder verliert. Das ist uns nach dem dritten Versuch passiert. Die ersten beiden Male haben einfach nicht geklappt – nicht schwanger. Beim dritten Versuch war die Freude riesengroß bis zum Zeitpunkt, als das Krümelchen kurz vor dem zweiten Trimester zu den Sternen gereist ist.

 

Das alles macht etwas mit einem. Es belastet die Beziehung ungemein. Die hormonellen Schwankungen der Frau, die nicht ohne sind. Die Hoffnung, die Enttäuschung. Die Angst, die Resignation, die erneute Hoffnung. All die Fragen, die sich stellen. Wie oft versuchen wir es? Wollen wir wirklich so unbedingt ein Kind, so dass wir das alles auf uns nehmen? Wer sind wir als Paar und können wir uns auch ein Leben ohne Kind vorstellen? Wie richten wir unser Leben ohne Kinder ein? Was sind unsere Pläne fürs Leben? Mit Kind und ohne Kind? Wie gehen wir mit der tiefen Verzweiflung um, wenn es wieder nicht klappt? Können wir eine erneute Fehlgeburt verkraften? Sind wir als Paar stark genug, gemeinsam diesen Weg zu gehen, wo auch immer er enden wird“?

 

All das wirst du vermutlich nicht hören, wenn du also im Rahmen eines geselligen Small Talks diese Frage stellst. Du musst dir also gar nicht erst vorstellen, wie du damit umgehen würdest. Ich wollte es dir aber trotzdem einmal erzählen, denn damit rechnest du nicht mit deiner „harmlosen kleinen Frage“. Du wirst vermutlich eine Floskelantwort erhalten, ein Lächeln, ein unverbindliches Blabla. Du wirst die Tränen nicht sehen, die auf diesem Weg geweint wurden. Du wirst nichts von dem Stich mitbekommen, der ausgelöst wurde von dieser vermeintlich einfachen Frage. So wie diese Geschichte hier wird es unzählig ähnliche geben. Natürlich kannst du auch auf Paare treffen, die das alles nicht kennen und ebenso unbedarft über dieses Thema sprechen können wie du. Das weißt du aber in der Regel nicht. Bevor du also unbewusst in deinem Gegenüber Trauer auslöst, lass die Frage einfach weg.

 

Wenn bereits ein Kind da ist, heißt es nicht, dass ein Geschwisterchen einfacher auf die Welt kommt. Die Frage nach „dem Geschwisterchen, na, wann kommt das denn?“ ist also mindestens genauso übergriffig. Und nervt.

Die Familienplanung anderer Menschen ist kein Small Talk Thema. Es bietet sich nicht als Plauderei an. Schon gar nicht, wenn du fremd bist. Es ist eigentlich ganz einfach: entweder, dein Gegenüber möchte, dass du weißt, wie es um die Familienplanung steht, dann wird er dir es schon irgendwann mitteilen. Falls nicht, kannst du davon ausgehen, dass es dich nichts angeht. Du wirst es erfahren, wenn es dein Gegenüber möchte. Und selbst wenn kein unerfüllter Kinderwunsch dahintersteckt, sondern eine bewusste Entscheidung, kein Kind zu wollen, nerven diese Fragen. Du bist nämlich nicht der Einzige, der fragt. Diesen Job haben vermutlich schon zig andere Menschen vor dir ebenfalls erledigt. Und alle haben eines gemeinsam: sie dringen in einen sehr privaten Bereich ein und sind beleidigt, wenn sie keine zufriedenstellende Antwort erhalten. Die ganz Schlimmen insistieren weiter. Die Frage nach dem Warum – du wirst es jetzt schon ahnen – geht, bingo, ebenfalls niemanden etwas an.

 

Das musst du nicht verstehen. Als emphatischer Mensch jedoch solltet du es akzeptieren und respektieren. Es gibt so viele Small Talk Themen, such dir einfach ein unverfänglicheres aus. Die gibt es.

 

Wir sind übrigens nach einem langen Weg doch noch Eltern geworden. Auf welche Weise, also doch noch natürlich oder mit Hilfe, verraten wir nicht. Das ist nun unsere Privatsache. Es tut auch nichts zur Sache. Wir sind überglücklich mit unserer Tochter und am Ende hat sich alles gelohnt. Sollten wir ein weiteres Kind planen, so lassen wir es dich wissen. Deal?

 

Liebe Grüße,

deine Mary

4 Comments

  • Woodstocksj

    Danke!!
    4x isci
    1 Kind
    Und dennoch fehlen mir die 3 anderen, bin Glückes und liebe meine Familie.
    Doch darüber reden? Wenig. Sehr selten

  • Halbblut

    Ja. Soviel ja und soviel harte Liebe für diesen Text. Hier waren es 3 Schwangerschaften, die in 3 Fehlgeburten endeten, bevor es dann geklappt hat. An das emotionale Auf und Ab dazwischen möchte ich nicht mehr denken. Es tut einfach zu weh.

  • Gerti

    Bericht regt sehr zum Nachdenken an und führt einem vor Augen, wie unsensibel und taktlos wir doch mit unseren Mitmenschen umgehen, oft aus reiner Gedankenlosigkeit oder einfach Unkenntnis, was unsere Fragen auslösen können . Ein hervorragender Bericht liebe Mary, der hoffentlich einiges bewirkt. Herzlichen Dank für Deine einfühlsamen Worte und Ausführungen des Problems.

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