Mum's life,  Pädagogik

„Dein Kind ist ein Mama-Kind!“

Hände hoch, wer diesen Spruch auch schon mal gehört hat.

Meine Tochter ist 9 Monate alt. Die meiste Zeit ihres Lebens hat sie bisher mit mir, ihrer Mutter verbracht. Die zweitmeiste Zeit mit ihrem Vater. Zuvor war sie über 9 Monate in meinem Bauch. Es wäre also höchst verwunderlich, wenn sie kein Mama-Kind wäre, sondern ihre engste Bezugsperson die Metzgerin vom Dorf wäre.

Unsere Tochter ist kein Mama-Kind. Sie ist, wenn überhaupt, ein „Mama – und Papa-Kind“ und das soll sie bitte auch sein. Wir sind immerhin ihre Eltern. In erster Linie aber ist unsere Tochter sie selbst und holt sich das, was sie braucht, um ihre Bedürfnisse zu stillen. Und das braucht sie einfach manchmal eben nur von Mama. Oder Papa. Kinder spüren instinktiv, bei welchem Elternteil sie welches Bedürfnis stillen können. Ich mag keine Allgemeinplätze, aber auf uns trifft es zu: Papa ist eher derjenige, bei dem es wilder zugeht. Je oller, desto doller. Mama ist die Person, mit der unsere Tochter, die meiste Zeit des Tages verbringt und somit schon zwangsläufiger öfter tröstet, kuschelt, beruhigt, in den Schlaf wiegt. Ergo sucht unsere Tochter öfter meine Nähe, wenn es darum geht, zu kuscheln oder getröstet werden zu wollen.

End of Story.

End of Story? Leider nicht. Ich – und ich bin überzeugt, viele andere ebenfalls – höre die unsägliche Aussage „dein Kind ist ein ganz schönes Mama-Kind“ öfter, als man sich vorstellen kann.  Es ist selten wohlwollend gemeint und diskreditiert sowohl Mama als auch Kind.

Was impliziert also dieser Spruch? Wann und in welcher Situation fällt er denn meistens? Meistens fällt dieser Spruch, wenn ein Kind weint und sich nur von den Eltern trösten lassen möchte oder lieber bei den Eltern bleiben möchte und nicht auf den Arm (etc.) einer anderen Person. Es sucht sich also in einer für das Kind unsicheren Situation die Personen hat, zu denen es die meiste Bindung hat und sich sicher fühlt. Das sind in aller Regel nun mal die Eltern, nicht selten die Mutter.

Bedeutet der Spruch also:

  • Zu viel Nähe? Gibt es für ein Baby nicht.
  • Die Sorge / Unterstellung, dass das Kind niemals selbstständig werden KANN? Gewagt, so eine Prognose im Babyalter / Kleinkindalter zu stellen. Zumal die Selbständigkeit eines Kindes einer außenstehenden Person oft auch gar nicht bekannt ist.
  • Eifersucht, weil in manchen Situationen andere Personen nicht an erster Stelle für das Kind stehen, sich das Kind nicht trösten lassen möchte oder die Nähe der Eltern sucht? Trifft es wohl schon sehr und wir kommen der Sache näher.

Meine Tochter ist aktuell laut Entwicklungskalender voll in der ersten Hochphase des Fremdelns. Völlig unbeeindruckt dessen aber ignoriert sie das im Moment noch. Sie ist offen für alle Menschen, die ihr freundlich begegnen. Viele sind das Corona bedingt nicht, aber denjenigen, die sie kennenlernt, begegnet sie neugierig, freundlich und offen. Sie spielt mit anderen Kindern in der Krabbelgruppe und kuschelt mit anderen Müttern. Sie freut sich, wenn die Großeltern, Onkel und Tante zu Besuch kommen und lässt sich bespaßen, kuscheln und liebhaben. Die wenigen Freunde, die wir aktuell sehen, vergöttert sie. Wird es ihr zu viel, geht sie aus der Situation oder signalisiert diese Empfindung schon sehr klar.

Was sie aber braucht: Die Rückversicherung von Mama und Papa. Sie braucht diese Rückversicherung, um weiter sicher die Welt Stück für Stück erkunden zu können. Wir sind die ersten und engsten Bezugspersonen für unser Kind und somit ihr sicherer Hafen. Sie kann explorieren, weil sie sicher gebunden ist.

„Mama und Papa sind immer für mich da, wenn ich sie brauche. Das gibt mir die Sicherheit, die ich brauche, um immer selbstständiger zu werden“.

Kinder in diesem Alter sind wahre Entdecker. Ihre Welt bekommt immer wieder eine neue Perspektive – durchs Krabbeln, durchs stehen können, durch die ersten Schritte. Sie nehmen viel mehr wahr und können plötzlich auch ganz anders kommunizieren, sie verstehen die ersten Zusammenhänge und beGreifen ihre Welt ganz anders als noch vor ein paar Wochen. Das ist spannend, das ist großartig, das ist aber auch – beängstigend. Sie brauchen also den Raum und die Möglichkeit, ihre Welt zu entdecken, aber gleichzeitig auch die Gewissheit, bei Mama und Papa Sicherheit zu bekommen, wenn sie diese brauchen.

Meine Tochter kann wunderbar mit einer anderen Person interagieren. Mittendrin aber sucht sie mich, sie braucht eine Umarmung, ein Kuscheln, ein kurzes „ich docke kurz bei Mama an, dann ist alles gut“. Auch bei Personen, denen sie vertraut und die sie gut kennt. Manchmal dauert dieses kurze Andocken auch länger, manchmal weint sie dabei, manchmal ist das Spiel / die Interaktion mit der anderen Person dann auch vorbei. Und all das ist okay. Noch bin ich in Elternzeit, noch kann ich jederzeit und immer für sie in diesen Momenten da sein. Und das bin ich auch.

Noch, bis sie in die Krippe gehen wird. Und da wird sie sanft eingewöhnt und gut begleitet. Da wird es dann andere Bezugspersonen geben, die ihr diese Rückversicherung für den Moment geben können. Und nach der Kita dockt sie wieder bei Mama und Papa an.

Bis dahin bin ich 24/7 da, wenn sie mich braucht. Und ja – das ist auch manchmal sehr anstrengend. Es gibt Situationen, da kann der Papa machen was er möchte, nichts hilft, Mama muss trösten, kuscheln, in den Schlaf begleiten. Es gibt Tage, da steht meine Tochter neben mir, wenn ich auf der Toilette bin, klammert sich an mich, wenn sie nachts aufwacht und lässt sich auf gar keinen Fall von Papa trösten, wenn sie weinen muss.

Das kann selbstverständlich auch zu Konflikten in der Partnerschaft kommen, wenn der Partner sich hier nicht gesehen oder zurückgesetzt fühlt. Aber auch wenn es schwerfällt, es nicht persönlich zu nehmen, darf man das auf gar keinen Fall persönlich nehmen. Die Person, auf die das Kind fixiert ist, darf diesen Umstand umgekehrt auch nicht ausnutzen, sondern sollte offen sein für alle Impulse, die vom Partner kommen und dies auch dem Kind signalisieren. Gemeinsam als Familie wachsen.

Zum Glück sind wir als Eltern reflektiert genug. Wir sprechen darüber. Das ist wichtig.

Dass es Kinder gibt, die überbehütet werden, deren Fixierung auf ein Elternteil regelrecht forciert wird, die dadurch in ihrer Entwicklung so eingeschränkt werden, dass wir von Kindswohlgefährdung sprechen, das steht außer Frage. Aus der Praxis kenne ich solche Fälle. Diese Familien müssen gut begleitet werden.

Aber da sprechen wir selten von einem Säugling, der sich verbal nur mit Weinen mitteilen kann, sich in allen Bereichen wunderbar entwickelt und schlicht die Nähe seiner unmittelbaren Bezugsperson sucht, wenn es dies braucht.

Darum geht es hier gerade aber nicht. Es geht um die herabwürdigende Aussage von Außenstehenden. Und in diesem Fall sind auch die beste Freundin, die Großeltern, Tante und Onkel und Nachbarin etc. Außenstehende.

Fassen wir also zusammen und ich weiß, ich wiederhole mich so oft, aber es ist mir auch so wichtig:

  • Ich bin die Mutter meiner Tochter, braucht mich mein Kind, bin ich da. Mein Kind wählt oft mich, weil ich die meiste Zeit am Tag mit ihr verbringe, öfter tröste und kuschle und somit die erste Wahl meiner Tochter in Situationen bin, in denen sie besonders viel Halt und Sicherheit braucht.
  • Nein, ich werde mein Kind nicht weinen lassen, wenn ich da bin und ihr Bedürfnis nach Nähe stillen kann. Lasst eure bitte auch nicht weinen, weil ihr denkt (oder es euch jemand einreden möchte), das wäre jetzt der richtige Weg – das ist er nie. Egal ob nachts oder am Tag, egal wer das zu euch sagt. Hört auf euer Bauchgefühl und euren Instinkt, schaut was euer Kind in diesem Moment braucht und seid da. Das ist alles, was das Kind in diesem Moment braucht.
  • Nein, Baby weinen nicht, um uns zu schikanieren oder zu manipulieren. Dazu sind sie kognitiv noch gar nicht in der Lage. Sie weinen, weil sie in diesem Moment ein Bedürfnis haben. Das kann Hunger, Pippi, kalt sein – oder auch das Bedürfnis nach Nähe, Geborgenheit, Liebe. Und zwar von EUCH. Nicht von Oma, nicht von der Freundin, vielleicht auch manchmal nicht von Papa.
  • Nein, unsere Kinder tanzen uns da nicht auf der Nase herum und nein, als Baby / Kleinkind müssen sie sich noch nicht selbst regulieren können, um das auszuhalten.
  • Sie sind noch nicht alt genug, um aus einer für sie herausfordernden Situation allein herauszufinden zu können. Sie sind Säuglinge und Kleinkinder!
  • Nein, ihr macht euch nicht abhängig von eurem Baby, wenn ihr sofort reagiert, wenn es weint. Tatsächlich ist es so, dass euer Baby von euch abhängig ist und nicht umgekehrt.
  • Babys kann man nicht verwöhnen, man kann nur maximal ihre Bedürfnisse stillen.

Unsere Kinder machen das alles ganz wunderbar und wir begleiten unsere Kinder Stück für Stück in Richtung Selbständigkeit. Mit viel Liebe, Spuke, Geborgenheit und dem sicheren Gefühl, da zu sein, wenn uns unser Kind braucht.

Euer Baby ist also ein Mama-Kind? Schön. Es hat in den letzten Monaten also eine wunderbare Bindung zu euch aufgebaut und vertraut euch. Das ist der Grundstein dafür, sich immer mehr der Welt zu öffnen, sich anderen Menschen zu öffnen und sich Schritt für Schritt zu lösen, so dass sich das Baby auch bei und mit anderen Menschen sicher und geborgen fühlt.

Herzlichen Glückwunsch.

P.S. Wer sich in diesem Artikel nicht angesprochen fühlt, ist auch nicht damit gemeint. Mama-Kind lässt sich selbstverständlich austauschen mit Papa-Kind. Agiert euer Kind anders als hier beschrieben, dann ist es so – jedes Kind ist einzigartig, hat seinen eigenen Rhythmus wann es was wie macht und jede Familie ist individuell und besonders.

Alles Gute für euch!

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